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Twitter regt sich mächtig auf: Der Bericht sei unfair, verzerrend, gar böse und gemein, so der Tenor. Phillip Mißfelder, der sich in dem Bericht über eine Konkurrenzpartei so äußert, wie er es wohl mit jeder anderen Partei auch machen würde, und wie die Piraten es tagtäglich über die anderen Parteien tun, ist sowieso #fail und #inkompentent, so wird überall behauptet.

Was war geschehen? Die ARD hat einen Bericht über den Bundesparteitag der Piratenpartei im Hamburg gesendet, die ach-so-internetaffine und fortschrittliche Community schon im Vorfeld ganz feuchte Höschen aufgrunde der Tatsache bekommen, dass sie in einem Medium gefeatured werden, dass sie eigentlich für überholt halten und ablehnen (man mag da erstmal stoppen und ein „Häh?“ äußern, wenn man das Spielchen noch nicht kennt) und weil der böse JU-Mensch in dem eigentlich doch sehr fairen Bericht sagt, dass die Piratenpartei „nur populistische Dinge“ fordere, sollen er und überhaupt die komplette ARD inkompentent sein. So zumindest glauben die wieder einmal natürlich gar nicht stammtischmäßig agierenden Twitter-User, die in ihrer kleinen Welt um sich selbst kreisen. Achten sie doch bitte mal darauf, wer in dem Bericht tatsächlich das #Fail-Interview des Jahres gibt:

„Also ich denke, wir werden, wenn wir größer werden, uns noch um andere Punkte kümmern.“ – „Zum Beispiel?“ – „Äähm… Ja, es geht dann wahrscheinlich… weiß ich doch nicht.“

Ein paar Tipps: Wirtschaft, Innere Sicherheit, Verteidigungspolitik, Arbeitsmarkt, Verkehr, Sozialsystem. Schonmal was von gehört? Macht ja nix. Hauptsache man kennt sich aus mit Youtube, Facebook und Co.

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„Zum Thema Piratenpartei & meine Äusserungen dazu hat @ennomane was geschrieben & ich habe kommentiert: http://bit.ly/Jlf4j“

– @saschalobo.

Muss man das noch zusätzlich erklären? Doch, ich befürchte leider, man muss.  Die Geschichte geht so: Sascha Lobo, Internetguru und lustiger Medienhüpfbold mit ziemlich „rebellischem“ Haarschnitt  (die Anführungszeichen deuten an, dass das höchstens meine Oma rebellisch findet) äußert sich kritisch zur Piratenpartei und sagt das, was recht offensichtlich ist (sind ja recht konzeptlose Typen, diese „Politiker“ aus eben jenem Verein). Das wiederum findet @ennomane nicht so toll, weil der ja selbst Mitglied dieser Partei ist und bloggt darüber, dass Lobo ja als Lobbyist von diversen Medienvereinen gar nicht die nötige Distanz hätte. Der aber wiederum hat diesen Post entdeckt und einen langen Kommentar darunter geschrieben, der mit den Worten „übrigens bin ich Jesus“, äh, sorry, mit den Worten:

„ich bin selbständig, unabhängig und stehe auf keiner Gehaltsliste. Im Gegenteil lebe ich in erster Linie von Beratung (derzeit übrigens null Verlage), in zweiter Linie von Vorträgen und Projekten, in dritter Linie von Büchern. Die Sachen, die ich sage, sage ich, weil ich diese Meinung vertrete und dafür Gründe der Überzeugung habe.“

endet. Und damit das ja viele Leute lesen, wie toll der Lobo ist, twittert er gleich noch schnell, dass es da diesen pösen, kritischen Artikel über gibt, den er selbstverständlich kommentiert hat, weil er sich ja jeglicher Kritik stellt und ganz open-minded ist und so. Ich geh kotzen.

Wenn Blogger und Twitterer wirklich solche medienkritischen und intelligenten Menschen sind, wie sie vorgeben zu sein, warum twittert dann heute die Hälfte dieser Leute schmutzige Witze über den Tod eines Menschen, die locker jede Schlagzeile von Bild unterbieten und im Grunde nur darauf basieren, dass man Boulevard-Medienberichten glaubt oder einen Freispruch erster Klasse nachträglich einfach in Schuld umdefiniert, während sich sogar das ansonsten respektloseste Satireblatt Titanic in stilvollem Humor übt?

a) Ein bisschen Spaß muss sein.

b) Weil viele von diesen Leuten doppelmoralische, heuchlerische Idioten sind.

Die kunterbunten Piratenburschen beweisen wieder mal, dass sie Bretter nicht nur in ihren Schiffen verarbeiten, sondern sich offenbar auch vor das Hirn kleben und nehmen im Eilverfahren den unter Kinderpornografieverdacht stehenden Ex-SPDler Jörg Tauss in ihre Partei auf, ohne irgendwelche Diskussionen oder Abstimmungen. Gute Idee: Damit bekommt die Berichterstattung der Bildzeitung über die Netzsperrengegner vielleicht nachträglich sogar noch ihre Legitimation. Aber wenigstens haben sie so einen Abgeordneten für noch ein paar Tage im Bundestag und kriegen vielleicht zwei Schlagzeilen in Medien, die niemand liest.  Man muss halt Prioritäten setzen. Noch unappetitlicher sind die englischen „Bürgerjournalisten“ auf Twitter, die hemmungslos über die Missstände im Iran aufklären und auf Videos verlinken, in denen Protestierende erschossen werden. Natürlich im Stil: „Guckt euch das bloß nicht an, es ist grausam!!!: [Link]“. Zum Glück ist Stefan im Urlaub, der würde bei sowas wie Rumpelstilzchen im Dreieck springen. Womit er natürlich Recht hätte: Man könnte sich grün ärgern über so viel Dummheit.

René hat inzwischen seine eigenen Sorgen: Er findet, dass der Zensursula-Song, der laut einem seiner Kommentatoren von Netzpolitik „gehyped“ wird, ganz stumpfer Ballermann-Techno ist (manch einer mag sich fragen, wie er bloß auf solch absurde Ideen kommt) und dass es dem Song an Ernsthaftigkeit für Demos mangelt (ne, oder?). Nachdem er diese Bedenken geäußert hat, bloggt er erst mal über Zombiefilme. Die olle Rampensau Rob Vegas hingegen twittert nach dem großen Coup stündlich die Viewzahlen seines tollen Hits und auf Youtube steht bei dem Track plötzlich dabei, dass der Song Copyright by „Revilo Records“ wäre. Äh, …was? Kein Piratengeist mit CC-Lizenz?

Der arme Nico sitzt derweilen ganz alleine in der Ecke rum und versucht eher sich selbst als irgendwen sonst davon zu überzeugen, dass die SPD doch nicht so doof ist, wie alle sagen. Wenigstens Sascha, der sonst immer sein Gesicht im Namen der Partei in zig Kameras gehalten hat, könnte doch mit ihm spielen,  aber der ist besorgniserregend still seit dem Gesetzbeschluss. Menno.

Und dann schläft sie wieder, unsere lustige kleine Web2.0 Welt.  Morgen ist doch auch wieder ein Tag, um ganz ganz viel am Bildschirm rumzuhängen und der Welt Sachen mitzuteilen.